Ethnizität

(gr. ethnos: Volk)
Ethnizität bezeichnet Praktiken (Sprache, Religion, …) und Denkweisen, durch die sich eine Gemeinschaft von der anderen unterscheidet und sich damit als eine Gemeinschaft konstituiert (bestimmt wird). Ethnizität kann auch eine Rolle für die Identitätskonstruktion von Individuen spielen. Darüber hinaus bedeutet Ethnizität, ähnlich wie der Begriff des Geschlechts, eine gruppenspezifische Zuschreibung von vermeintlich eindeutigen, biologischen Merkmalen. Unterscheidungen solcher Art sind oft mit der ungleichen Verteilung von Ressourcen und Macht, aber auch mit geschlechtsspezifischen Stereotypen verknotet. Ethnos bezeichnete ursprünglich Gruppen, die ausserhalb der grischischen Polis (Stadtstaat) lebten. Ethnizität basiert auf der Konstruktion von Identität(eigene) und Alterität (andere), von Ein- und Ausgrenzung.
Besonders im Zusammenhang mit Kolonialismus und Imperialismus, wurde und wird Ethnizität einerseits zu einem positiven Merkmal der Entwicklung nationaler Identität, aber andererseits und gleichzeitig auch zu einem negativen Ausgrenzungskriterium. Zum Beispiel die Beurteilung anderer Gruppen nach der meist höher bewerteten eigenen Ethnizität. Ethizität und Geschlecht verbinden sich zu komplexen Ausschliessungs- und Diskriminierungsmechanismen. (G. Ch. Spivak, dt. 2000, org. 1985). Als analytische Kategorie versucht Ethnizität Ungleichheits- und Differenzstrukturen kritisch zu hinterfragen. In diesem Sinn ersetzt Ethnizität den nationalsozialistisch missbrauchten Begriff Rasse und den Begriff der Ethnie. Ethnizität bezeichnet die soziale und kulturelle Konstruiertheit von ethnischen Gruppenidentitäten sowohl in der Selbst- wie auch in der Fremdwahrnehmung (Was ist fremd?). Lange Zeit wurde zum Beispiel über die Konstruktion von „schwarz sein“ diskutiert, während „weiß sein“ und die darin inbegriffenen Herrschaftsmuster unberücksichtigt blieben.
Ethnizität wird somit nicht mehr nur als ein Merkmal von Individuen verstanden, sondern als eine Herrschaftsstruktur (wie auch im antiken Griechenland), die gesellschaftlich, ökonomisch und politisch institutionalisiert ist. Als zentrales Konzept in den Postkolonial Studies bezeichnet es dort die Neubewertung abgewerteter Ethnizitäten bzw. kultureller Identitäten im kolonialen Herrschafts- und Dominanzgefüge. (Ethnisierung, Gesellschaft, Identität, Kultur)

Veröffentlicht in Roswitha_K. Schlagworte: . 1 Kommentar »

Eine Antwort zu „Ethnizität“

  1. luposovsky Sagt:

    Super Aufriss von Ethnizität. Besonders die Zuschreibungs – Überstülp-Praxis und der Hinweis auf Dominanzgefüge.

    Zum Begriff Ethisierung möchte ich noch anfügen, dass dieser Begriff auch eine besondere Aufermksamkeit verdient, wenn sich Mensch etwa das zerhacken etwa des „Vielvölkergefängnisses Jugoslawien“ ansieht. Ethnisierung und Re-Traditionalisierungen, als Reaktion auf verweigerte individual- und zivilgesellschaftliche Rechte, das Rückbesinnen, Besingen und (Re)Konstruieren von kroatisch, serbisch, bosnisch, ….. sein und die aktive Unterstützung dieser Tendenzen durch Österreich und BRD, sowie das Wegschauen bis hin zu aktivem Unterstützen in USA und Australien, wo starke sich ebenfalls ethisierend definierende EmigrantIinnen-Communities organisierten, sind die unmottelbaren Wegbereitungen der sog. „ethnisch“ motivierten Aufstände und des sog. „ethnisch“ motivierten Bürgerkrieges, bis hin zu den sog. „ethnischen Säuberungen“.

    Schon diese kleine Sammlung unsäglicher Begriffskombinationen mit „ethnisch“ und verwandten Begriffsschöpfungen zeigt, so meine ich, dass alles was mit ethnisch und ähnlichem beschrieben, und bezeichnet wird mit Vorsicht zu genießen ist. Interessant sind dazu Xavier Bougarel „Zur Ökonomie des Bosnienkrieges“ in „Ökonomie der Bürgerkriege“, Hg.: Fancois Jean und Jean – Christophe Rufin, 1999 bzw.: Catherine Samary, „Krieg in Jugoslawien“, ISP Verlag Köln 1992

    Ethisch, Ethnie usw. werden in diesen Büchern sehr anschaulich demaskiert und als Herrschafts- und Verführungs bzw. Legitmationswerkzeuge enttarnt. Auch Rada Ivekovic’ „Autopsie des Balkans“, Literaturverlag Troschl, Graz- Wien 2001 gibt einen guten Einblick was mit „Selbsteinordnung“ in Konzepte wie Ethie, ethische Zugehörigkeit, aber auch Ethnizität droht – Einverleibt werden und weiteres dualistisches wir sind ….“besser“, weil die anderen …. so und so…also „schlechter“ sind. Also die schon Erwähnte Alterität der „Anderen“, die dazu dient „sich“ und „die Zugehörigkeitsgemeinschaft“ zu definieren. Besonders interessant finde ich dabei, dass je nach Anlass zwischen Fockusierung auf Unterschiede oder Gemeinsamkeiten oszilliert wird – das ist besonders eindrucksvoll zu beobachten, wenn interreligiöser „Dialog“ über Ethik und Moral übereinkommt und das zu weltlich sein der Welt kritisiert bzw. wenn eine religiös fundamentalistische Organisation der anderen ebenso fundamentalistischen Organisation das fundamentalistisch sein vorwirft und die eigene fundamentalistische Orientierung damit zu negieren glaubt.

    So genug dazu. Ich bin nix!


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